Der Wein ist die Poesie der Erde

Die ausgebildete Gästeführerin und Weindozentin Martha Gehring ist in Fahr an der Mainschleife zu Hause. Sie bietet Führungen, Seminare und Verkostungen in ihrer Heimat an. Weine keltert ihr Mann Bernhard, Edelbrände destilliert sie selbst. Eine ihrer beliebtesten Führungen geht durch den Weinberg.

 

Frau Gehring, Sie sind zertifizierte Gästeführerin und geben Weinseminare und Weinproben. Wie sind Sie dazu gekommen?
Zur Ausbildung „Gästeführer Weinerlebnis Franken“ bin ich durch Zufall gekommen. Meine Nachbarin, auch eine Winzerin, brachte mich drauf, weil sie sich anmeldete und mich fragte, ob das nicht auch etwas für mich wäre. Nun mach ich es schon seit zwölf Jahren.

Von wo kommen Ihre Gäste?
Das hat hier in der Region begonnen, dann kamen die Gäste aus ganz Deutschland und nun werden sie immer globaler. Zurzeit habe ich auch Gäste aus Hongkong, aus Schweden, aus Dänemark. Ich hab das Gefühl, die Welt schaut auf Franken und kommt gerne nach Franken.

Was möchten Sie den Gästen bezüglich des Weins vermitteln?
Zum einen, dass sich in Franken sehr viel bewegt hat in Sachen Wein. Franken ist ganz vorne dabei, was den Weingeschmack, auch was den Weinan- und -ausbau anbelangt. Wir sind eine spannende Region, die nach vorne blickt. Das Maindreieck steht für Weißwein. Wir sind sehr froh, dass der deutsche Weingenießer erkannt hat, auch in Deutschland gibt es großartigen Wein. Gerade von sehr engagierten Jungwinzern.

Sie leben hier an der berühmten Mainschleife, wo ein Viertel des fränkischen Weinanbaus stattfindet. Ein paar Zahlen, bitte.
Ein Viertel des fränkischen Weinanbaus findet hier an der Mainschleife statt, das ist am Maindreieck. Dann gibt es noch das Mainviereck, ein Synonym für Rotwein. Ungefähr 5.000 Winzer bewirtschaften 6.100 Hektar und vermarkten 80 % ihrer Weine ab Hof im Umkreis von ungefähr 250 Kilometern. Wir sind sehr gut aufgestellt, was die Vermarktung anbelangt.

Was ist das Besondere am fränkischen Wein?
Zum einen die überschaubare Vielfalt. Wir verlieren uns nicht in über 100 möglichen Sorten. Wir konzentrieren uns auf unsere Aushängeschilder, wie dem Silvaner. Auch Müller-Thurgau, Riesling, Bachus, Kerner, Scheurebe sind typische fränkische Weine. Wir haben auch wenig Nachwuchssorgen. Unsere jungen Winzer sind stolz, dass sie hier in einem fortschrittlichen Franken leben und arbeiten dürfen.

Weintest

Und wie lange gibt es den Weinanbau in Franken schon?
Er wurde 777 erstmals urkundlich erwähnt und geht auf eine Schenkung von Karl dem Großen zurück, der Königsgüter an die Mönche verschenkte. Die spezialisierten sich auf den Weinbau. Wegen des Messweins (lacht).

Was bedeutet „fränkisch trocken“?
„Fränkisch trocken“ heißt, dass ein Wein, der in Franken erzeugt wird, 4 Gramm Restzucker hat, während das im gesamtdeutschen Weinbaugebiet das Doppelte möglich ist.

Was hat es mit dem Bocksbeutel auf sich?
Der Bocksbeutel ist ein Synonym für Franken. Nur hier, und in einer Region Badisch-Frankens darf diese Flaschenform verwendet werden. Der Bocksbeutel ist ein von der EU geschütztes Qualitätskennzeichen. Wenn ein Wein im Bocksbeutel ist, dann hat er bei der Qualitätsweinprüfung sehr gut abgeschnitten.

Warum kann es keine zwei identischen Weine auf der Welt geben?
Weil ein Wein geprägt ist vom Terroir. Wenn die sich schon in geringstem Maße unterscheiden, dann habe ich einen völlig anderen Wein als der Nachbar.

Was bedeutet der Begriff Terroir?
Um die Differenziertheit der Weine auszudrücken, verwenden wir den Begriff „Terroir“. Er umfasst die geografische Lage eines Weinbergs, seine Hangneigung, seine Bodenbeschaffenheit, seine Fähigkeit, Wasser aufzunehmen und zu speichern, sein Mikroklima und auch, ob ein Fluss in der Nähe ist. Wo der Rebstock wurzelt, löst er Stoffe aus dem Boden und transportiert sie über den Rebstock in die Trauben. An der Mainschleife haben wir berühmte Weinlagen, wie den Escherndorfer Lump, der wie ein Hohlspiegel geformt ist und besonders intensiv das Sonnenlicht aufnimmt. Auch die Handschrift des Winzers und die Kunst des Kellermeisters bestimmen maßgeblich das Geschmackserlebnis und gehören zum Terroir.

Wir können Terroir also schmecken?
Ja, denn die Wurzeln stecken in unterschiedlichen Bodenarten. Bei uns in Franken sind es Keuper, Buntsandstein, Muschelkalk. Die Weine von Böden am Maindreieck schmecken mineralisch, pur und geradlinig. Denn sie wachsen auf Muschelkalk. Buntsandstein hingegen gibt dem Wein eine leichte, schlanke und filigrane Note. Weine, die auf Keuper wurzeln, erinnern an Kräuter, schmecken cremig und schmelzig. Aber nur das Zusammenspiel aller Faktoren prägt den Geschmack eines Weines. Und 100 Meter weiter kann ein Wein schon wieder völlig anders schmecken, auch wenn es noch dieselbe Bodenart ist.

Was ist die beliebteste Jahreszeit bei den Gästen?
Der Herbst. Jeder geht davon aus, dass man im Herbst zur Weinlese in eine Weinregion fahren sollte. Wein verkosten kann man das ganze Jahr über, aber dem Weinbauern bei der Lese über die Schulter schauen, geht nur zur Ernte. Es hat aber jede Jahreszeit ihren Reiz. Ich finde zum Beispiel das Frühjahr sehr schön, wenn man den Austrieb der jungen Reben beobachten kann. Wenn der Saft wieder in die Reben kommt und die Knospen aufplatzen. Über Nacht wachsen die Triebe um ein bis zwei Zentimeter. Auch der Sommer ist ein Traum, wenn die Blüte vorbei ist und ich weiß, in 100 Tagen ist das eine fertige Traube, aus der Wein werden wird. Es gibt zu jeder Jahreszeit etwas zu entdecken und zu erfahren.

Weinseminar

Welche Themen gibt es neben den klassischen Weinproben noch?
Außer „Fünf fränkische Klassiker“ mit Brotzeit, gibt es „Architektur und Wein“. Dann „Schokolade und Wein“. Das beinhaltet auch ein kleines Seminar, bei dem wir mit einer regionalen Schokoladenmanufaktur zusammenarbeiten. Dann „Cross-Over-Weinproben“, also internationale Rebsorten versus fränkische Rebsorten oder internationale Sorten, die hier in Franken gewachsen sind. Natürlich machen wir auch Sektproben. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Was bietet Ihre Region den Gästen außer Wein?
Wir haben hier einen ganz tollen Radweg und wunderbare Möglichkeiten, auf dem Main Wassersport zu betreiben. Für Boots- und Kanufahrten liegen wir an der Mainschleife ideal. Durch die Nähe zu Würzburg bieten sich kulturelle Ausflüge an. Auch beim Thema Wein verstehen wir es, zu kombinieren: Erlebnisführungen im Weinberg, im Keller, Kutschfahrten. Es gibt vielfältige Möglichkeiten.

Nicht nur Wein ist Ihre Leidenschaft, auch Obstbrände. Wie kam das?
Weil wir in der Familie ein Brennrecht haben und ich quasi in der Brennerei groß geworden bin. Ich hab es von meiner Großmutter gelernt.

Wie entsteht beim Brennen eine hohe Qualität?
Das unterscheidet sich wenig vom Wein. Sorgfältiges Arbeiten draußen, denn ein Brand entsteht nicht in der Brennerei, sondern durch das Ausgangsmaterial Obst. Wir haben in Franken zum Beispiel eine hervorragende Qualität an Zwetschgen und Äpfeln. Des weiteren eine sanfte, sichere, kühle Gärführung und rasches Abbrennen.

Was verbinden Sie mit dem Begriff Heimat?
Heimat ist da, wo man sich wohl fühlt, wo man Menschen kennt, auf die man zugehen kann, die man seit seiner Kindheit kennt, deren Charakter man kennt. Der fränkischen Charakter ist ein ganz besonderer, wo man nicht gleich umgeweht wird, wenn einem der Wind mal ins Gesicht bläst. Denn wir sind sehr direkt. Die Meisten sagen gerade heraus, was sie denken. Ich fühle mich heimatverbunden, weil der Main für mich ganz wichtig in meinem Leben ist. Die Weinberge natürlich auch, die Landschaft, die Region, das ganze Drumherum. Das ist wie beim Terroir, die Summe aller Dinge.

Was begeistert Sie an Franken?
Die Vielfalt. In Franken gibt es alles. Es gibt Bier, es gibt Wein, es gibt Wurst. Wir haben Käse, wir haben einen Fluss, wir haben Berge. Es ist die Vielfalt der Landschaft und die Vielfalt der Menschen und die Vielfalt der Gäste, die hierher kommen.

WeinprobeKeller

Geschrieben von bayern.by Blog

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