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Berge sind stille Meister und machen schweigende Schüler

Bergführer, wie Bernd Zehetleitner, verhelfen ihren Gästen zu unvergesslichen Erlebnissen im Reich der Berge. Sie führen sicher auf alpinen Wanderungen, Klettersteigen sowie Kletterrouten und bilden Bergsteiger aus.

 

Herr Zehetleitner, wie sind Sie zum Klettern gekommen?
Wie ganz viele Bergsteiger und Bergführer. Ich bin schon in frühester Kindheit von den Eltern in die Berge mitgenommen worden und bin seither als Bergsteiger unterwegs. Als junger Erwachsener habe ich mich dann für eine Ausbildung zum Bergführer entschieden. Erst arbeitete ich nebenberuflich. Nach ein paar Jahren habe ich die Schule von meinem Vater übernommen. Seitdem bin ich hauptberuflich Bergführer.

Welche Schule ist das?
Die Bergschule Oberallgäu ist die älteste Bergsteigerschule Deutschlands. Sie wurde 1968 vom bekanntesten deutschen Bergsteiger, dem Anderl Heckmair, bekannt durch die Eiger Nordwandbesteigung, gegründet. Damals war Bergführer ein richtiger Lehrberuf. Mein Vater ist bei ihm in die Lehre gegangen und der Anderl hat seine Schule an meinen Vater übergegeben.

Wie lange dauert heute eine Ausbildung zum Bergführer?
Mindestens zwei bis drei Jahre. Man muss Tourenberichte abgeben, im Skifahren, im Klettern, im Eisklettern. Das sollte einen Zeitraum von zirka drei Jahren umfassen. Mit diesem Bericht kann man sich bewerben und wenn man gut und fit genug ist, wird man eingeladen zu einem Eingangstest im Skifahren, im Bergsteigen, Klettern, Eisklettern. Wenn man wiederum diese Hürde genommen hat, dann beginnen verschiedene Blockausbildungen im ganzen Alpenraum. Am Schluss stehen die staatlichen Prüfungen an.

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Inwiefern hat Ihre Schule mit dieser Ausbildung zu tun?
Jeder in der Ausbildung zum staatlich geprüften Berg- und Skiführer muss ein Praktikum im Sommer und Praktikum im Winter machen. Wir bieten Praktikumsplätze und haben dadurch einige Bergführer in der Ausbildung beschäftigt.

Sollte man beim Bergsteigen in unbekannten Regionen grundsätzlich einen Bergführer dabei haben?
Aus der Sicht des Berufsbergführers muss ich das auf jeden Fall mit Ja beantworten. Klar, man kann natürlich auch eigenständig in unbekannte Regionen aufbrechen, wenn man die Erfahrung und die Routine hat, die Tour dementsprechend zu planen. Generell ist es sicherer und erlebnisreicher, wenn man einen Profi dabei hat, der alles vorbereitet hat, sich auskennt und bei dem ich darauf vertrauen kann, dass ich am Abend wieder gesund heimkomme.

Ein gutes Stichwort, Vertrauen. Sie engagieren sich bei der Bergwacht. Was machen Sie genau?
Die Bergwacht ist ein großer Teil in meinem Leben und ein Großteil meiner Freizeit. Ich war früher in diversen Bergwachtlehrteams, habe Ausbildungspläne mit auf den Weg gebracht und war bayernweit sehr aktiv. In Sonthofen bin ich Bereitschaftsleiter. Wir machen im Jahr über 500 Alpine-Rettungseinsätze. Für mich ist es selbstverständlich, dass ich ehrenamtlich bei der Bergwacht arbeite.

Woran erkennt man einen guten Bergführer?
Einen guten Bergführer erkennt man, wenn man wieder zuhause ist und man das Gefühl hat, man ist sicher und gut geführt worden. Aber keine Sorge, von der Ausbildung her, sind die Bergführer alle ungefähr gleich gut ausgebildet, was die Sicherheit betrifft. Was das zwischenmenschliche betrifft, das ist wie überall im Leben, der liebe Gott, der hat einen großen Tiergarten.

Erleben Sie in Ihrer Bergschule, dass die Stammkunden immer von einer bestimmen Frau oder einem bestimmten Mann geführt werden wollen?
Ja, das ist ein ganz interessantes Phänomen. Ich habe Gäste, mit denen ich schon seit 20 Jahren unterwegs bin. Das sind sind mittlerweile schon Freunde. Das ist das Schönste, wenn man tolle Erlebnisse mit Leuten verbringen kann, die man kennt, die man mag.

Was ist das Faszinierendste an dem Beruf?
Zum einen sind es die Momente im Gebirge, wenn man Sonnenaufgänge erlebt, tolle Touren, erhebende Landschaften, die Tiere der Bergwelt. Zum anderen können wir Bergführer Träume erfüllen. Wir können Gäste, die schon ewig auf einem bestimmten Berg am Gipfel stehen wollten, genau dorthin bringen.

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Was gefällt Ihnen persönlich besser, die Einsamkeit der Berge oder die Geselligkeit des Bergsteigens?
Mir persönlich gibt die Einsamkeit in den Bergen mehr. Wenn man aber dann nach einer langen Tour abends gemütlich mit anderen in der Hütte sitzt und interessante Gespräche hat oder das Gipfelglück feiert, das ist auch ein Erlebnis. Mit netten Gästen auf einsamen Gipfeln zu stehen, dort empfinden wir uns im Einklang mit Körper, Geist und Seele.

Ohne welche Gegenstände oder Werkzeuge gehen Sie nicht los?
Wenn man im Gebirge unterwegs ist, man muss immer damit rechnen, dass schlechtes Wetter kommt, auch wenn der Tag noch so schön ausschaut, das heißt, Mütze, Handschuhe, Regenschutz, das gehört immer in jeden Tourenrucksack hinein. Ebenso ein kleines Erste-Hilfe-Set. Ich persönlich habe noch ein Funkgerät dabei, weil es viele Plätze gibt, wo das Mobiltelefon nicht funktioniert.

Was passiert, wenn jemand bei einer Tour nicht mehr kann?
Wenn jemand nicht mehr kann, erkenne ich das in der Regel schon vorher, sogar lange bevor die Personen es selbst bemerken. Ich treffe dann eine Entscheidung, die Tour verkürzen, eine Alternative gehen oder absteigen, das kommt auf die gebuchte Tour an. Bei einer Gruppe und schönem Wetter, da kann auch mal jemand eine Stunde warten, bis die anderen wieder zurück kommen. Im Extremfall, bei einer Kletterführung, muss man auf den Schwächeren Rücksicht nehmen und die ganze Seilschaft muss zurück.

Welchen Ort in Ihren Heimatalpen muss man gesehen haben?
Die gesamten Allgäuer Alpen! Die meisten denken, bei den Allgäuer Alpen an Almwiesen, Kühe, Milch, aber nicht, dass wir so tolle Kletterberge haben. Auch die Wanderer kommen bei uns voll auf ihre Kosten. Gerade am Allgäuer Hauptkamm, ist man teilweise auf einsamen Wegen unterwegs, aber mitten im Festsaal der Alpen. Einen speziellen Ort kann ich jetzt wirklich nicht nennen. Ich finde, unsere Allgäuer Berge sind einzigartig.

Haben Sie einen Fitnesstipp für die Gäste?
Ganz einfach. Man lernt Bergsteigen und Bergwandern nicht vom Reden, sondern vom Machen. Wer keine Berge vor der Haustür hat, kann sich eine gute Grundlagenausdauer aneignen, egal, ob er mit dem Fahrrad unterwegs ist oder läuft.

Warum leben Sie gerne hier?
Ich bin ja auf der ganzen Welt unterwegs als Bergführer, und jedes Mal, wenn ich heimkomme, denke ich mir, so schön wie daheim, ist es selten irgendwo.

Was geben Sie den Gästen an immateriellen Werten mit?
Im Gebirge kann man viel für das richtige Leben lernen. Man sagt, Berge sind stille Meister und machen schweigende Schüler. Was wir den Leuten oft vermitteln, gerade in unseren Ausbildungskursen, ist das Bewältigen von außergewöhnlichen Situationen. Dass ich auch, wenn ich mal denke, oh jetzt zwickt es und jetzt geht es mir nicht mehr so gut und jetzt laufe ich trotzdem weiter und wenn ich dann oben auf dem Gipfel stehe, das gibt mir für mein ganzes Leben Kraft und Motivation. Ganz oft bekomme ich Post von Gästen, die sich bedanken. Man kommt, wie gesagt, in Einklang mit Körper, Geist und Seele.

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Geschrieben von bayern.by Blog

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